Der Trotzkopf in Neuauflage

31. Jul 2019Thomas Weidauer
Der Trotzkopf in Neuauflage

Die Trotzphase - für viele Eltern die wirklich erste große Bewährungsprobe in Sachen Geduld und Erziehungsgeschick. Im englischen Sprachraum nicht ohne Grund „Terrible Twos“ (also die schrecklichen 2-Jährigen) genannt, erleben Kinder durchschnittlich zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag eine Phase mit Wutausbrüchen und geringer Frustrationstoleranz. Die Entwicklungspyschologie spricht davon, dass die emotionale Entwicklung bis zu einem Alter von sechs Jahren noch nicht ausgereift ist und sie mit ihren Bewältigungsstrategien an ihre Grenzen stoßen. Sie wollen einfach viel mehr als sie zu diesem Zeitpunkt schon können. Die Folge: Kinder schreien, werden wütend und bockig, weil ihnen noch die Geduld und Kompetenz fehlt, um Konflikte konstruktiv zu lösen und Frust auszuhalten.

Ist diese Form des Trotzens jedoch massiv ausgeprägt und geht weit über Bocken hinaus, kann es sich möglicherweise um eine Verhaltensauffälligkeit namens oppositionelles Trotzverhalten handeln. Häufig wird diese emotionale Verhaltensschwierigkeit als Komorbidität (Zusatzerkrankung) bei ADHS beobachtet, was bedeutet, dass beide Probleme gleichzeitig auftreten bzw. Symptome Überschneidungen zeigen. So sind z.B. Auffälligkeiten wie Streitbarkeit, geringe Frustrationstoleranz und Reizbarkeit bei oppositionellem Trotzverhalten UND ADHS anzutreffen.
Damit allerdings eine gravierende Störung diagnostiziert wird, müssen schwerwiegende Symptome über einen bestimmten Zeitraum hinweg vorkommen. Hierzu gehören ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche, Tyrannisieren und Grausamkeit (Menschen und Tieren gegenüber), Destruktivität gegenüber Eigentum, Zündeln, Stehlen, Lügen, Schuleschwänzen und Weglaufen. Schwerwiegend heißt in diesem Fall, dass die Schwere und Häufigkeit solcher Verhaltensweisen weit über Streiche oder „normale“ Dummheiten von Kindern hinausgehen.

Als Ursache für oppositionelles Trotzverhalten geht die Psychologie von einem multifaktoriellen Modell aus. Das bedeutet, genetische, familiäre, soziale und psychologische Faktoren begünstigen das Auftreten dieser Problematik. Von ungünstigen Temperamentsfaktoren, emotionaler Vernachlässigung, ein von möglicher Gewalt und mangelnder Emotionalität/Konsistenz geprägter Erziehungsstil, streitbarem Familienumfeld, Verhaltensstörungen der Eltern bis hin zu Leistungsmisserfolgen in der Schule sind viele Faktoren denkbar. Auch hier findet sich wieder eine Überschneidung mit ADHS.

Doch anders als bei ADHS, das häufig zusätzlich mit pharmakologischer Therapie („Ritalin“) angegangen wird, wird bei oppositionellem Trotzverhalten zunächst auf Verhaltenstherapie gesetzt, um die sozialen Kompetenzen der betroffenen Kinder zu stärken und ihnen zu helfen, ihre Gefühle besser wahrzunehmen und auszudrücken. Hinzu kommt ein Elterntraining, um den Familienalltag zu entlasten sowie Grenzensetzen und Regeleinhaltung zu schulen. Innovative Konzepte integrieren darüber hinaus Erlebnispädagogik, Bewegungstraining und Neurofeedback.

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