Warum wir Bewegung brauchen

06. Jul 2022Thomas Weidauer
Warum wir Bewegung brauchen

Wie körperliche Fitness auch geistige Fitness nach sich zieht.

„Nur Spezies, die sich bewegen, benötigen ein Nervensystem, und in der Evolution sind Gehirne entstanden, um Bewegung zu ermöglichen.“ Prof. Dr. Gerd Kempermann
Erstaunlicherweise geht man bei Kindern mit ADHS selten davon aus, dass sie Probleme mit Bewegung haben. Schließlich zappeln sie doch die ganze Zeit herum, oder?

Weit gefehlt. Natürlich ist eine Verhaltensstörung mit Hyperkinese - also einer starken motorischen Unruhe - geprägt von einem Übermaß an Aktivität und doch gehen damit oft Defizite im Bereich Motorik einher.

Warum dieser Widerspruch?

Mehrere Wissenschaftler haben versucht, diesen Zusammenhang zu ergründen. So gibt es laut Gillberg et al. eine motorische Reifungsverzögerung von ca. 2 Jahren (als „defizit attention motor perzeption“ betitelt). Unterschiedliche, weitere Untersuchungen konnten bei Kindern mit ADHS ebenfalls Schwierigkeiten in den Bereichen Grob- und Feinmotorik, Gleichgewicht, Körperschema und temporo-spatialen Orientierung (Dr. Kirsten Stollhoff) feststellen.

Während in Deutschland zur Diagnose einer ADHS die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) herangezogen wird, wird in Amerika nach dem DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) codiert, was in diesem Fall einen großen Unterschied ausmacht. Die IDC-10 sieht die hyperkinetische Störung im Bereich der Verhaltensstörungen, während das DSM-5 ADHS als neuronale Entwicklungsstörung einstuft. Zudem wird in dieser Einstufung die Beziehung zwischen ADHS und motorischen Schwierigkeiten berücksichtigt.

Kinder, die von ADHS betroffen sind, haben also Schwierigkeiten mit Motorik und Koordination. Wäre es da nicht eine logische Schlussfolgerung, über Bewegung mit ihnen zu arbeiten?
Absolut. Denn laut Prof. Kempermann ist „{…} die Zusammenarbeit zwischen Hirn und Muskulatur keine Einbahnstraße.“ Denn beide kommunizieren in beide Richtungen miteinander. Und Bewegung ist ganz klar Teil einer hirngerechten Stimulation zu Anregung von Neuroplastizität.

Neuro was?

Wikipedia: „Unter neuronaler Plastizität oder Neuroplastizität versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern.“
So ist ein individuelles Bewegungstraining mit Fokus auf den oben genannten Bereichen (in denen Defizite auftreten) in der Lage, motorische Schwierigkeiten bei Kindern mit AHDS deutlich zu verbessern. Und die schöne Übertragungswirkung scheint zu sein, dass in Studien auch kognitive Verbesserungen durch Bewegung festgestellt wurden. Mit anderen Worten: Von ADHS betroffene Kinder waren nach der Verbesserung ihrer körperlichen Fitness in der Lage, bessere Leistungen im Bereich Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit zu erbringen. Also eine Win-Win-Situation.

Quellen:

Gillberg C et al. Perceptual, motor and attentional deficits in seven-year-old children. Neurological screening aspects. Acta Paediatr Scand 1983;72:119–124

https://link.springer.com/article/10.1007/s15014-015-0565-y

Rev. Bras. Psiquiatr. 37 (3), Sept 2015, https://doi.org/10.1590/1516-4446-2014-1533

https://de.wikipedia.org/wiki/Neuronale_Plastizität

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