Artikel-Serie: Primitive Reflexe

12. Apr 2022Thomas Weidauer
Artikel-Serie: Primitive Reflexe

Der tonische Labyrinthreflex


„Als frühkindlicher bzw. primitiver Reflex oder Primitivreflex wird in der Medizin ein typisches und reproduzierbares Reaktionsmuster auf gezielte äußere Reize bezeichnet. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab (…).“
- Wikipedia

Primitive oder frühkindliche Reflexe entwickeln sich im Mutterleib und sind für das Überleben des Säuglings eine Notwendigkeit. Die Reflexe versorgen das Baby mit den Instinkten der Atmung, des Fütterns, des Schreiens und der Zuwendung. Abgesehen davon, dass diese Reflexe für einen der ersten Meilensteine in der Entwicklung sorgen - das Drehen des Babys auf den Bauch und zurück -, aktivieren sie auch Gene, die für das Wachstum und die Verknüpfungen von und im Gehirn sorgen und so weitere Meilensteine ermöglichen, so z.B. die Entwicklung von Grob- und Feinmotorik, Sprach- und Lesefähigkeit, visuelle und auditive Wahrnehmung und Verarbeitung.

Mit Zunahme der Muskelbewegungen und mittels sensorischer Stimulation werden im Gehirn neue Neuronen gebildet und Verbindungen zwischen Neuronen gestärkt, was immer mehr und komplexere Gehirnfunktionen ermöglicht. Da nicht mehr benötigt, werden die primitiven Reflexe nach und nach gehemmt. Unter Hemmung versteht man die Unterdrückung einer Funktion durch Entwicklung einer anderen Funktion bzw. höher/besser entwickelter, neuronaler Strukturen. Das geschieht nach ungefähr 3 bis 12 Lebensmonaten. Anstatt aber einfach zu verschwinden, werden sie integriert, d.h. sie werden „aufgestückelt” und unterliegen fortan der Kontrolle des Kortex.

Bewegt sich das Kind nicht ausreichend, bekommt auch das Gehirn nicht genug Stimulation und die Reflexe bleiben aktiv. Es findet also keine Integration statt und es entwickelt sich ein Hirnungleichgewicht, das zu neurologischen Störungen führen kann.

In dieser Artikel-Serie möchten wir auf einzelne, häufig noch aktive - oder persistierende - primitive Reflexe eingehen. Den Anfang macht der tonische Labyrinthreflex (TLR).

TLR = Tonischer Labyrinthreflex

Der TLR - oder tonische Labyrinthreflex - wird ausgelöst durch eine Veränderung der Kopfposition in Relation zur Körpermitte und hat zwei Bewegungsrichtungen: nach vorn (Beugung oder Flexion) und nach hinten (Streckung oder Extension). Er entwickelt sich bereits im Uterus, ausgelöst durch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und ermöglicht es dem Fötus, sich zusammenzurollen (Flexion), um sich dem Platzmangel anzupassen. Die Extension wird perinatal, also während der Bewegung durch den Geburtskanal, benötigt. Nach der Geburt hilft der TLR dem Kind, mit der Schwerkraft klarzukommen und später sich aufzurichten und eine stabile Körperhaltung zu entwickeln. Er sollte in der Flexion nach ca. 3-4 Monaten integriert sein, während die Extension bis zu 3 Jahre bestehen bleiben kann.

Wie zeigt sich eine Persistenz?
Konnte der TLR nicht integriert werden, ist also weiterhin aktiv, können sich eine Reihe von Symptomen zeigen, die mit Muskeltonus, Haltung, Augen- und Kopfbewegungen zusammenhängen. Hierzu zählen:
  • Überstreckte oder schlaffe Körperhaltung
  • Steifer oder schwacher Muskeltonus
  • Schlechtes Gleichgewicht
  • Schwierigkeiten in der multisensorischen Verarbeitung
  • Dyskalkulie
  • Schwierigkeiten bei der visuellen Wahrnehmung
  • Schlechte Augenmotorik
  • Dysgraphie 
  • Schwierigkeiten bei der auditiven Verarbeitung
  • Auf Zehenspitzen laufen
  • Abneigung gegen Sport
  • Schwierigkeiten bei Organisation, Orientierung und Zeitgefühl
  • Reisekrankheit
  • Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Gedächtnis
  • Dyspraxie

Wie kann der TLR integriert werden?
Spezielle Übungen können helfen, den tonischen Labyrinthreflex zu integrieren und so Symptome zu lindern. Ein Beispiel ist die Übung „Superman“, bei der das Kind bäuchlings auf der Matte liegt und aus dieser Position den Kopf, die Arme und Schultern vom Boden anhebt und dann wieder in die Ausgangsposition zurückkehrt. Eine zweite Übung ist die Kanonenkugel, bei der das Kind rücklings auf der Matte liegt und dann seine Beine gebeugt zur Brust zieht. Kopf und Schultern sind von der Matte angehoben und das Kind rollte sich zusammen wie eine Kugel. Diese Position kann nun gehalten werden oder der Kopf kann für einige Sekunden nach hinten überstreckt werden. Eine dritte Variante lässt das Kind in der „Kugelposition“ nach vorn und hinten rollen.

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