Dein Gehirn ist ein Junkie

05. Mai 2022Thomas Weidauer
Dein Gehirn ist ein Junkie

Wie Zucker seine schädlichen Wirkungen auf Verhalten und Lernen ausübt


Wir bei NeuroLifeBalance verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der sich neben anderen Faktoren auch mit dem Thema Ernährung und ihre Wirkung auf unser Gehirn beschäftigt. Und die Forschung hat diesen Zusammenhang längst aufgegriffen, weiß man doch mittlerweile um die Effekte, die unsere Nahrung nicht nur auf unseren Körper, sondern eben auch auf unsere Psyche und mentale Leistungsfähigkeit haben kann.

Doch es kommt noch heftiger. Studien konnten nachweisen, dass bestimmte Nahrungsmittel regelrecht süchtig machen und/oder aktivierend bzw. symptomverstärkend für diverse Krankheitsbilder sein können. Ein offensichtliches Beispiel sind Verhaltensprobleme oder auch AD(H)S. Nehmen Sie sich ein Stück Kuchen, wir wollen den süßesten Vertreter besprechen.

Wir brauchen Zucker

Kinder lieben Zucker. Erwachsene auch. Logisch, denn unser Gehirn liebt Zucker. Es braucht Zucker sogar dringend. Denn Glukose, eine Zuckerform, ist die Hauptenergiequelle für jede Zelle unseres Körpers. Und das schließt natürlich das Gehirn mit ein, schließlich tummeln sich dort unglaublich viele Zellen, die Neuronen oder Nervenzellen. Sie verbrauchen sogar die Hälfte der gesamten Zuckerenergie im Körper. (Quelle: Harvard Medical School).

Da das Gehirn praktisch von Zucker (Glukose) abhängig ist, um wichtige Funktionen, wie Denken und Lernen, ausführen zu können, muss immer ausreichend von diesem süßen Stoff vorhanden sein.
Aber, und das ist ein großes ABER: Der Zucker, den wir über unsere Nahrung konsumieren, ist ein ganz hinterhältiges Zeug.

Da wäre zum einen die Gefahr des Übergewichts mit allen gesundheitlichen Folgen. Zum anderen scheint es einen Zusammenhang zwischen Zucker und Zellalterung zu geben. Und ein zu viel an Zucker scheint schädliche Folgen für das Gedächtnis und die kognitiven Funktionen zu haben.

Jetzt kommt der eigentliche Kracher. Zucker macht süchtig und ist für unser Gehirn wie eine Droge.

Entzugserscheinungen? Wie kann das sein?

Der Konsum von Zucker (und wo ist Zucker heute nicht enthalten?) gefällt nicht nur unseren Geschmacksknospen, sondern aktiviert auch das Belohnungssystem in unserem Gehirn. Dieses System nennt sich mesolimbisches Dopaminsystem, denn es setzt Dopamin frei. Dopamin ist einer unserer Neurotransmitter, also ein Botenstoff, der chemisch Signale und Nachrichten zwischen Gehirnzellen und -bereichen übermittelt.
Diese spezielle Wohlfühl-Chemikalie ist für Motivation und Belohnung zuständig, d.h. sie vermittelt uns ein wohliges Gefühl und belohnt uns für ein Verhalten. Ja, es ist das Schulterklopfen für das Stück Kuchen. Klasse, oder? Und der geliebte Zucker nimmt hier sogar eine Sonderstellung ein, denn das Dopaminsystem belohnt meist nur für das erste Probieren, danach schwindet der Effekt. Ein Überbleibsel der Evolution, um zu unterscheiden, welche Nahrung uns krank machen kann und welche nicht.
Bei Zucker schlägt das Belohnungssystem JEDES Mal an, so wie es auch beim Drogenkonsum der Fall ist. Das heißt, der Zuckerkonsum wird immer belohnt und bringt noch einen gefährlichen Gefährten mit sich.
Wenn wir unser Belohnungssystem immer wieder mit Zucker aktivieren, passt sich das Gehirn an (Neuroplastizität!) und unterstreicht diesen Aspekt quasi mit einem Textmarker. FOLGE: Es will ständig mehr von dem guten Zeug, so wie auch beim Verlangen nach einer Droge wie Kokain oder auch Alkohol. Und noch eine Parallele zur Abhängigkeit von anderen Substanzen ist die Toleranz. Das bedeutet, dass sich das Gehirn an das ständig zugeführte Stimulans (Zucker oder Droge) gewöhnt und der Konsum angepasst werden muss. Entweder mehr von dem Zeug oder kleinere Intervalle zwischen den Aufnahmen.

Doch für das vermeintlich lohnenswerte Gefühl müssen wir einen hohen Preis zahlen. Wir riskieren nicht nur unsere körperliche Gesundheit (Diabetes, Hyperglykämie etc.), sondern auch unseren Verstand. Buchstäblich. Studien haben gezeigt, dass gerade Gedächtnis und die Fähigkeit, Neues zu lernen und zu behalten, durch ständigen Zuckerkonsum leiden.

Was können wir tun?

Das war ein Haufen schlechter Nachrichten. Und hier ist noch eine. Unsere Umgebung ist voller Zucker. Er ist stets und überall verfügbar, steckt sogar in Nahrungsmitteln, von denen man es nicht erwarten würde, wie z.B. vielen Konserven (Zucker ist ein preisgünstiges Konservierungsmittel). Ohne Kontrolle des eigenen Verlangens, der Trigger und der ständigen Verfügbarkeit ist es also schwierig, sich vom Zucker fernzuhalten. Und das gilt besonders für Kinder.

Doch auch hier kehren wir wieder zum Gehirn zurück. Denn unsere Kommandozentrale verfügt auch über eine Gruppe von „Vernunftzellen“, inhibitorische (oder hemmende) Neuronen im präfrontalen Kortex, die Impulse kontrollieren und damit auch das Verhalten im Zaum halten können. Diese Neuronen setzen den Botenstoff GABA frei, der wiederum für eine beruhigende Wirkung sorgt, indem er bestimmte Signale blockiert oder hemmt. Da GABA eine Aminosäure ist, kommt sie auch in der Nahrung vor, vorrangig in fermentiertem Essen, wie Kimchi und Miso.

Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir unseren Kindern den Tausch von Schoko-Pops gegen Misosuppe schmackhaft machen können.

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