Artikel-Serie: Primitive Reflexe

27. Apr 2022Thomas Weidauer
Artikel-Serie: Primitive Reflexe

Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex

„Als frühkindlicher bzw. primitiver Reflex oder Primitivreflex wird in der Medizin ein typisches und reproduzierbares Reaktionsmuster auf gezielte äußere Reize bezeichnet. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab (…).“
- Wikipedia

Im zweiten Teil dieser Artikel-Serie über einzelne, häufig noch aktive - oder persistierende - primitive Reflexe geht es weiter mit dem Asymmetrisch Tonischen Nackenreflex (ATNR). Sollten Sie Teil 1 nicht gelesen haben, hier nochmal eine kurze Rekapitulation zum Thema primitive oder frühkindliche Reflexe.

Neben erworbenen Reflexen, die durch Konditionierung erlernt werden, gibt es die angeborenen Reflexe, zu denen natürlich auch die frühkindlichen, oder primitiven, Reflexe, gehören. Wenn ein Kind geboren wird, ist das Gehirn noch nicht ausgereift bzw. vollständig entwickelt. Die frühkindlichen Reflexe helfen dem Säugling während der ersten Lebensmonate dabei, dass aus den unwillkürlichen Bewegungen durch fortschreitende Hirnreifung schließlich willkürliche und automatisierte Bewegungen werden können. Das findet in der Regel im Verlauf der ersten 12 Monate statt und die primitiven Reflexe verschwinden nach und nach.
Der Grund ist, dass im Verlauf der Entwicklung durch Muskelbewegungen und sensorische Stimulation neue Neuronen und Synapsen gebildet werden und die Reflexe schlicht nicht mehr benötigt werden. Sie werden gehemmt bzw. integriert und unterliegen fortan der Kontrolle des Kortex.

Bewegt sich das Kind nicht ausreichend, bekommt auch das Gehirn nicht genug Stimulation und die Reflexe bleiben aktiv. Es findet also keine Integration statt und es entwickelt sich ein Hirnungleichgewicht, das zu neurologischen Störungen führen kann.

ATNR = Asymmetrisch Tonischer Nackenreflex

Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex, der auch „Fechterreflex“ genannt wird, hat einen langen Namen, ist aber sehr einfach erklärt. Wie das Wort „Nacken“ andeutet, wird er durch eine einfache Drehung des Kopfs nach rechts oder links ausgelöst bzw. aktiviert. Wenn das geschieht, werden die Gliedmaßen (Arm und Bein) derselben Seite gestreckt, während die der anderen Seite gebeugt werden. Hier sieht man die Ähnlichkeit zur Fechterhaltung.

Dieser Reflex unterstützt das Baby bereits während des Geburtsvorgangs, um sich durch den Geburtskanal zu „schrauben“. Durch sein Aktivierungsmuster vom Kopf aus spielt der ATNR eine Rolle für das vestibuläre System (Gleichgewicht), den Muskeltonus und die Hand-Augen-Koordination. Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex sollte mit ca. 6 Monaten integriert sein.

Wie zeigt sich eine Persistent?
Wie man sich vorstellen kann, übt der direkte Einfluss des ATNR auf das vestibuläre System und die Motorik eine starke Auswirkung auf Bewegung, Koordination (besonders Hand-Augen-Koordination), Balance und Muskeltonus aus, wenn er nicht integriert werden konnte. Welche Folgen kann das haben?
Kinder mit einem persistierenden ATNR haben möglicherweise Schwierigkeiten in der Schule, denn Lesen und Schreiben sind eine Herausforderung. Zu weiteren Symptomen zählen:
  • Links-/Rechts-Schwäche
  • Krabbeln und Laufenlernen sind erschwert
  • Schwierigkeiten beim Kreuzen der Körpermittellinie
  • Dyslexia
  • Dysgraphie
  • Probleme beim Lesen und Schreiben
  • Schlechte Sitzhaltung
  • Probleme mit Lateralität (Händigkeit)
  • Konzentrationsprobleme
  • Schwierigkeiten bei Augenbewegungen (Folgen mit den Augen)
  • Visuelle Wahrnehmung und Orientierung im Raum sind eingeschränkt
Wie kann der ATNR integriert werden?
Neben der sensorischen Stimulation, die neue Vernetzungen im Gehirn aktiviert und somit die kognitive und motorische Entwicklung fördert, gibt es gezielte Übungen, die das Gehirn „nachreifen“ lassen und so die Integration des ATNR ermöglichen. Beispiele sind die Eidechse bzw. die umgekehrte Eidechse. Bei der Eidechse liegt das Kind bäuchlings auf einer Matte. Nun dreht es seinen Kopf nach rechts und streckt zusätzlich den rechten Arm und das rechte Bein in einem 90 Grad-Winkel nach oben. Die Augen blicken zum gehobenen Arm. Dann wechselt das Kind auf die linke Seite, bewegt Kopf, Arm und Bein auf die linke Seite. Bei der umgekehrten Eidechse ist die Ausgangsposition gleich und auch hier wird der Kopf nach rechts gedreht und der Arm nach rechts angehoben. Allerdings wird nun der linke Arm wird auf den unteren Rücken gelegt und das linke Bein ist im 90-Grad-Winkel gebeugt. Arm und Kopf sind zu einer Seite gerichtet, Bein und der andere Arm zur anderen Seite.Bei beiden Übungen wird auf die jeweils andere Seite gewechselt und so für einige Wiederholungen fortgefahren.
Zusätzlich hilft jede Form der sensorischen Stimulation. Also eine Vielzahl an Gerüchen, Geräuschen, Blickrichtungen und Berührungen.

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